Walpurgisnacht Halle Tanzbar Palette

Konzerbericht-Walpurgisnacht 2008
30.04.2008

Alle Jahre wieder ruft Uwe Nolte (ORPLID, BARDITUS) in Halle zur „Walpurgisnacht“. Stargast des diesjährigen Abends waren FIRE + ICE, die nun schon zum dritten Mal auf Einladung von Noltex aufspielten. Den Auftakt machte jedoch das Neofolk-Newcomer- Projekt TRAUMER’LEBEN, das wir hier auf NONPOP schon ausführlich gewürdigt haben.
Mit martialischen Trommelschlägen wurde das Konzert einer Band eingeleitet, die mit Martialischem eigentlich nichts am Hut hat und sich auch sonst von den meisten Klischees des Genres abstinent hält, obwohl man das Posieren mit ernsten Mienen und schwarzen Hemden im finsteren Wald natürlich perfekt beherrscht.

An der Front sangen JAY und BIA, begleitet von MICHA (Keyboards und Schlagzeug), J.W.W. (Baß) und SVEN (Schlagzeug). Das Set war kurz, aber intensiv. Live entfalten TRAUMER’LEBEN eine Kraft, die manch schwächerem Song Auftrieb gibt; was auf CD manchmal etwas dünn klingt, überzeugte auf der Bühne. Gleich als zweite Nummer kam das für mich nach wie vor beste Lied der Band: „Der Weg ist das Ziel“. Jetzt schon ein kleiner Klassiker, ein Glücksfall, in dem wirklich alles zusammengeht: der wunderbare Text, die Melodie, der unverwechselbare Gesang von BIA, die für mich besonders nachhaltig den Sound von TRAUM’ERLEBEN prägt.

Ich muß gestehen, daß mich eine Gänsehaut überkam, als das Lied angestimmt wurde. Weiters wurden zum Besten gegeben: „Des Baumes zarte Blätter“, „Von den Ufern“, „Schwingen des Lichts“, „Weltenbrand“ und „Tageslauf“. Schon die schlichten Titel zeigen, worin die Stärke von TRAUMER’LEBEN besteht: in einer unprätentiösen Natürlichkeit, die sich von anderen deutschen Neofolk-Bands wie BELBORN (R.I.P.), DIES NATALIS oder SONNE HAGAL (die der Rezensent allesamt, wie überhaupt fast den ganzen deutschen Neofolk, nicht ausstehen kann) wohltuend abhebt. Das ist nicht wenig, verlangt doch gerade das Singen in Deutsch eine gewisse Stilsicherheit.

Eine überraschende, aber geglückte Wahl der Veranstalter war der zweite Act des Abends, ARJOPA. Die aus Tuwa (im Süden von Sibirien, an der Grenze zur Mongolei) stammende und in Berlin aufgewachsene Sängerin hat es in der eigentlich Männern vorbehaltenen Domäne des Kehlkopfgesangs (Khöömei) zur Meisterschaft gebracht, und verbindet diese traditionelle Technik mit „Country-Punk“ und „Weird Folk“-Einflüssen auf eine Weise, wie man sie wohl bisher noch nicht gehört hat. Dabei wechselt sie in Se- kundenschnelle von schrillem Schreien zu einem tiefem, gruseligen Baß, und schneidet dazu maskenhafte Grimassen, als wäre ein tuwanischer Dämon in sie gefahren.

Die Liedertexte wechselten zwischen Englisch, Russisch, Tuwinisch und dickstem Berlina-Jören-Deutsch. Die extravertierte, etwas exzentrische Sängerin inszenierte sich zur Begeisterung des Publikums als leicht punkige Folk-Schamanin irgendwo zwischen NINA HAGEN, HELLA VON SINNEN und DIAMANDA GALÁS. Elektronisch und an der Maultrommel wurde ARJOPA von ULIKE („The Master U-Like“) unterstützt. Für die passende Aura sorgten auf eine Leinwand projizierte dokumentarische Filmaufnahmen aus Tuwa.

Das Publikum war zunächst erschrocken, dann verblüfft und schließlich hellauf begeistert. ARJOPA zwischen zwei Neofolk-Bands vor einem nahezu geschlossenen Szenepublikum zu erleben, war ebenso ungewöhnlich wie sinnfällig. Ich mußte an eine Bemerkung von FORSETI-Mitstreiter THOMAS HANSMANN in Zwielicht #1 denken: „Mein Eindruck ist, daß ein großer Teil der Szene ziemlich im eigenen Saft kocht und, um lebendig zu bleiben, sich weiterentwickeln und auch musikalische Einflüsse von Außen aufnehmen sollte.“

Hansmann stand auch bei dem Hauptauftritt des Abends, FIRE + ICE am Cello. Die Szenerie wechselte von Asien ins nördliche Europa, und anstelle sibirischer Schamanen erschien nun ein atmosphärisches Bild von Stonehenge mit zwei darüberfliegenden schwarzen Raben (Hugin und Munin?) auf der Leinwand. IAN READ gehört sicher zu den bedeutenden Vätern des originalen, britischen Neofolk. Als Mitglied der WORLD SERPENT-„Family“ mischte er bei SOL INVICTUS, DEATH IN JUNE, CURRENT 93 und FREYA ASWYNN mit, bevor er 1991 sein eigenes Projekt FIRE + ICE gründete.

Was Read von seinen Kollegen unterscheidet, ist die beinah philologische Ernsthaftigkeit, mit der er seine Studien von traditioneller Folk-Musik und Runenkunde betreibt. FIRE + ICE liegt ein starkes geistiges Konzept zugrunde, ein mitunter schroffer Anti-Modernismus und ein Festhalten an Werten, die sich gegen Konsumgesellschaft und Materialismus richten.

Die Verwurzelung in angelsächsischen und nördlichen Traditionen wird von Read stets betont. Als Nietzscheaner war er schon immer für politisch reichlich unkorrekte Aussagen zu haben. Auch aus seiner entschieden antichristlichen Haltung hat er nie einen Hehl gemacht. Schon auf den alten Fotos, etwa auf dem berühmten „Earth Covers Earth“- Cover, wo er neben ROSE MCDOWALL im roten Latex-Outfit zu sehen ist, erschien er mir stets etwas unheimlich.

Die kleinen, knopfartigen Augen in der bleichen Miene, der steinerne Gesichtsausdruck, ließen ihn ein wenig wie eine lebende Wachsfigur erscheinen. Auch bei Live-Auftritten steht Read wie angewachsen vor dem Mikrofon, aber zugleich gelassen und mit beinah buddhistischer Ruhe. Er wirkt geheimnisvoll, verschwiegen, undurchsichtig.

Ein gewisse (nordische?) Kühle geht von ihm aus, nur gelegentlich blitzen Emotionen wie warme Strahlen aus ihm hervor. Seine freundlichen, aber nicht ganz fehlerfreien Versuche, das Publikum auf Deutsch anzusprechen, ließen ihn beinah schüchtern- liebenswürdig erscheinen. Die große Stärke von Read ist seine unverkennbare Stimme: so wie er singt keiner. Und das ungeheuer gut.

Erst neulich habe ich wieder die Behauptung vernommen, Read könne gar nicht singen. Wer ihn je live in Höchstform erlebt hat, weiß, daß das barer Unsinn ist. Seine Stimme war geradezu phantastisch und vermochte nachhaltig zu fesseln. Begleitet wurde er von einer ausgezeichneten Band, die sich vor allem aus den Mannen von BARDITUS zusammensetzte: ANDREAS ARNDT (Gitarre), BURKHARD RAUE (Baß), FRANK SCHRÖDER (Schlagwerk) und der schon erwähnte THOMAS HANSMANN (Cello).

Deren Gesichter wirkten ebenso herb und lebensgezeichnet, und zum Teil ebenso starr wie Ian Reads: schon optisch-physiognomisch machte das Ensemble einen geschlossenen Eindruck. Das ist erwachsene Musik von erwachsenen Menschen, und vor allem: richtige Musik.

Jedes Instrument kam in Harmonie mit der Stimme Reads zur Geltung. Die Musiker wirkten hochkonzentriert, wie Eisenspäne auf den magnetischen Frontmann hin ausgerichtet. In dieser intimen Atmosphäre ließ sich eine viel höhere musikalische Intensität erzielen, als es dem ungleich berühmteren Ex-Gefährten Ian Reads, DAVID TIBET, im April in der Berliner Volksbühne gelang. Während den elf Musikern, die als CURRENT 93 auftraten, die ordnende Hand fehlte und das Ensemble folglich gefährlich am Rande des musikalischen Eintopf-Chaos entlangspazierte, spielten FIRE + ICE ihre Songs mit kontrollierter Präzision.

Als nicht allzu großer Kenner von Reads Gesamtwerk konnte ich nur wenige Titel identifizieren. Unter den Höhepunkten waren Lieder wie „The Rising Of The Moon“, „Senlac“, „Greyhead“, „Birdking“, „Dragons in the Sunset“, „Call Up The Four Winds“. Nach Ende der Vorstellung tobte das Publikum und jubelte die Musiker zu zwei Zugaben auf die Bühne zurück. Read beschloß den Abend mit einer a-capella-Darbietung: zwei Liedern aus den napoleonischen Kriegen, wobei er eines „Captain Read“ (der Vorname ist mir entfallen) gedachte, eines Urahnen, der in der Schlacht von Trafalgar fiel.

Damit schloß einer der bisher gelungensten der von „Noltex“ organisierten Konzert- abende.

Text: Martin L. für www.nonpop.de
Konzertfotos

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